Dienstag, 15. April 2008

Genug geheult...

In schwindelerregendem Tempo brettert unser Busfahrer durch die Schlaglöcher Swidnicas, als ihn eine rote Ampel kurz vorm Ortsausgang zur Vollbremsung zwingt. Während der Motor ungeduldig wimmert, blicke ich nach links: durch die verregneten Fenster schimmern Jugendstilbauten, deren Fassaden zerkrümeln, deren Anstrich in Fetzen durch die Straßen segelt. Einst muss die Stadt sehr prachtvoll gewesen sein, nun verhüllt sie ein grauer Schleier... Doch ehe ich weiter darüber nachdenken kann, fährt unser Fahrer bei grellgelbem Ampellicht mit einem saftigen Tritt aufs Gaspedal davon.

Vor uns liegt wieder eine Landstraße, neben uns liegen Hügel, und in der Ferne liegen noch größere Hügel: das Riesen- und das Eulengebirge. Wir befinden uns im grün-grauen Niederschlesien. Irgendjemand verrät mir, wir seien in zwanzig Minuten in Krzyźowa.

Ohne das Ausfahrtsschild käme man nicht auf die Idee, dass die Straße innerhalb weniger Hundert Meter in ein Dorf mündet. Und in Anbetracht des Dorfes käme man auch nicht auf die Idee, dass sich täglich ein Linienbus hierher verirrt: in ein Dorf mit keinen zehn windschiefen Bauernhöfen. Allerdings auch ein Dorf mit einem besonderen Gutshof, der heute Ziel meiner Reise ist.

Zum ersten Mal seit Stunden sehe ich frischgestrichene Gebäude, gemähten Rasen, eine gekehrte Einfahrt. Die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, ehemaliger Landsitz der Familie von Moltke.

Von Moltke – diesen Namen, der für mich nach autochthonen Feldherren schmeckt, werde ich auf meinem Besuch noch häufig zu sehen und zu hören bekommen. Besonders im schlichten Barockbau des kreisauer Schlosses, in dessen Räumen sich die Dauerausstellung zum sogenannten „Kreisauer Kreis“ befindet. „In Wahrheit leben“ ist die von Ludwig Mehlhorn konzipierte Ausstellung betitelt und stellt einzelne Mitglieder besagter Sozietät vor. Sie mussten für ihr gemeinsames Denken sterben, für den Widerstand, den sie gegen das NS-Regime leisteten. Dennoch kennt man sie kaum, sie stehen im Schatten Stauffenbergs und dessen versuchten Mordanschlags auf Hitler, welcher auch ihr Schicksal besiegelte: obwohl der Kreisauer Kreis mit dem Attentat nicht in Verbindung stand, wurde der 20. Juli ausschlaggebend für die Hinrichtung seiner zuvor verdächtigten Mitglieder. Peter Graf Yorck von Wartenburg, Adolf Reichwein, Adam von Trott zu Solz, um einige zu nennen. Carl Mierendorff, und weitere. Ermordet wurde auch der Mann, der den Kreisauer Kreis 1940 ins Leben rief: Helmuth James Graf von Moltke. Zum Zeitpunkt seines frühen Todes ist seine Frau 33 Jahre alt. Heute ist sie 93. Freya von Moltke hat überlebt.

Sie erblickt 1911 als geborene Deichmann, Tochter eines kölner Bankiers, das Licht der Welt und verliebt sich während des Jurastudiums in Helmuth von Moltke. Mit 22 Jahren heiratet sie ihn und zieht auf das Gut seiner Familie nach Kreisau. Während sie das Anwesen verwaltet, wohnt Helmuth James in Berlin und schmiedet dort erste Pläne des Widerstands. Als Spezialist für internationales Recht arbeitet er beim Oberkommando der Wehrmacht und nutzt seinen Einfluss, um Angriffe und Ermordungen der Nazis zu verhindern. In unregelmäßigen Abständen versammeln sich die Mitglieder des Widerstands auf seinem kreisauer Gut, dessen Abgeschiedenheit sich für geheime Treffen anbietet. Seine Frau Freya war mitverwickelt in die Angelegenheiten des Kreisauer Kreises; die Gefahr, die mit der Widerstandsarbeit einherging, konnte sie nicht abschrecken: „Wir hatten die Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen. Wir waren vollkommen überzeugt davon, dass wir das Richtige taten – dann mussten wir auch die Folgen tragen. Dieses Niveau des Lebens habe ich später nie wieder erreicht“.

Im Gegensatz zu ihrem Mann geriet Freya bei den Nazis nie unter Verdacht, an Plänen gegen das Regime beteiligt zu sein. Selbst im Juli 1945, als ihr Mann in Gefangenschaft saß und seine Hinrichtung beschlossene Sache war, ahnte niemand im berliner Hauptquartier der SS von Freyas geheimen Mitwissen. Sie war eigens zu Freisler gegangen und zur Gestapo, um von der Unschuld ihres Mannes zu überzeugen. „Es war nicht mutig, ich habe nur getan, was der Helmuth mich gebeten hat“. Nirgends zweifelte man an ihrer Unwissenheit, SS-Männer begegneten ihr freundlich, nie misstrauisch. Sie blieb vor Tod und Folter verschont, konnte somit als Witwe des Widerstands zur Trägerin eines Teils deutscher Geschichte werden. Sie rettete sich und die 1600 Briefe, die ihr Mann ihr schrieb, erst vor den Nazis, dann vor den Russen. Für deren Veröffentlichung wird Freya von Moltke 1989 der Geschwister-Scholl-Preis verliehen. Doch vor der Qual des persönlichen Verlusts konnte sie sich nicht retten.

„Helmuth war das Zentrum meines Lebens“ spricht sie mit rauer Stimme. Bereits kurz nach Helmuths Hinrichtung schreibt sie, dass sie „nicht mehr ganz so fest auf dieser Welt“ sitze. Jetzt nach 60 Jahren sitzt sie immer noch auf der Welt, möchte trotzdem nicht über die Persönlichkeit ihres Mannes sprechen. Trauernd hockt sie auf dem geblümten Sofa und streicht sich mit langen, kräftigen Fingern durch ihr silbernes Haar, reibt sich die großen, blauen Augen. Sie ist nun eine alte Frau, aber nur alt an Jahren. Sie ist körperlich fit, jätet den Garten ihres Häuschens im US-amerikanischen Vermont, fährt mit dem Auto zum Einkaufen, reist regelmäßig nach Deutschland und nach Kreisau, oder Krzyźowa, das heute in Polen liegt. Das Anwesen, auf dem sie einst lebte, ist heute eine Begegnungsstätte, die 1990 von einer Bürgerinitiative ins Leben gerufen wurde und von Freya von Moltke unterstützt wird. Von Zeit zu Zeit spricht sie vor den Besuchern, bei denen es sich überwiegend um Schüler verschiedener europäischer Länder handelt, die in Krzyźowa Geschichte erleben.

Ich bin dieser beeindruckenden Persönlichkeit bei meinem Aufenthalt in Niederschlesien nicht begegnet. Ihre wachen Augen kenne ich nur von den Bildern der Ausstellungstafeln, die Stimme von einem Videoband. Während ich mich nachdenklich zum Ausgang des Schlosses begebe, stelle ich mir ein Treffen mit Freya von Moltke vor. „Mir würden 1000 Fragen einfallen, aber ich würde mich wahrscheinlich vor Aufregung und Hochachtung nicht trauen, auch nur eine zu stellen...“, denke ich mir, als ich das Schloss durch die selbe Tür verlasse wie einst Helmuth und Freya von Moltke.

1 Kommentar:

infinite hat gesagt…

Den letzten Absatz würde ich einfach komplett streichen... der wertet den tollen vorherigen Text irgendwie ab.