Donnerstag, 3. Juli 2008

Stand-up Weisheit

You need to establish a relationship with your toothpaste in order to become entirely immersed in your own persona.

Last year

„King Poodle“ oder auch „The King Poodles” wäre ein genialer Bandname, wenn ich auch die erste Variante bevorzugen würde. Letztere geht in dem Meer von Bandnamen, die da alle mit „the“ beginnen, gnadenlos unter.

Heute? Gelernt? Eine Menge. Doch das bleibt dem Schönweitz vorbehalten, dem ich diesen Bandsalat an linguistischem Fachwissen morgen hoffentlich knotenfrei mit Hilfe meines Artikulationsapparates abspielen werde. Außerhalb des Bilbiotheksgemäuers ist mir heute wenig Nennenswertes passiert.

Habe einige von Sebastians Texten, die mir noch nicht bekannt waren, verschlungen, und andere, die ich schon einmal gelesen hatte, wiederkäut. Dabei bin ich ausgerechnet über einen Text gestolpert, der genau jenes Gefühl in Worte fasst, das mich bisher immer nur in Sprachlosigkeit gestürzt hat (was in seiner Natur liegt – ein Teufelskreis).

Zum ersten Mal wieder habe ich mich gefühlt wie zu Schulzeiten. So konzentriert einen ganzen Tag lang Informationen zu verinnerlichen erinnerte mich an die Prüfungsvorbereitungszeit, und zum ersten Mal, wieder voll in meinem Element, war ich nicht META. Sebastian hat mir da schon auf den Zahn gefühlt, diese Wahrnehmung erweist sich als problematisch.


Freitag, 16. Mai 2008

Alte Zeilen auslüften

Roter Morgentau, verlorene Liebesmüh
Noch mal davongekommen.
Gebrannt. Verwaist. Verloren.
Wir recken den Brustkorb der Sonne entgegen
ersehnen sogleich das Schlaflied
schattiger Moosgemäuer.

Dienstag, 15. April 2008

Genug geheult...

In schwindelerregendem Tempo brettert unser Busfahrer durch die Schlaglöcher Swidnicas, als ihn eine rote Ampel kurz vorm Ortsausgang zur Vollbremsung zwingt. Während der Motor ungeduldig wimmert, blicke ich nach links: durch die verregneten Fenster schimmern Jugendstilbauten, deren Fassaden zerkrümeln, deren Anstrich in Fetzen durch die Straßen segelt. Einst muss die Stadt sehr prachtvoll gewesen sein, nun verhüllt sie ein grauer Schleier... Doch ehe ich weiter darüber nachdenken kann, fährt unser Fahrer bei grellgelbem Ampellicht mit einem saftigen Tritt aufs Gaspedal davon.

Vor uns liegt wieder eine Landstraße, neben uns liegen Hügel, und in der Ferne liegen noch größere Hügel: das Riesen- und das Eulengebirge. Wir befinden uns im grün-grauen Niederschlesien. Irgendjemand verrät mir, wir seien in zwanzig Minuten in Krzyźowa.

Ohne das Ausfahrtsschild käme man nicht auf die Idee, dass die Straße innerhalb weniger Hundert Meter in ein Dorf mündet. Und in Anbetracht des Dorfes käme man auch nicht auf die Idee, dass sich täglich ein Linienbus hierher verirrt: in ein Dorf mit keinen zehn windschiefen Bauernhöfen. Allerdings auch ein Dorf mit einem besonderen Gutshof, der heute Ziel meiner Reise ist.

Zum ersten Mal seit Stunden sehe ich frischgestrichene Gebäude, gemähten Rasen, eine gekehrte Einfahrt. Die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, ehemaliger Landsitz der Familie von Moltke.

Von Moltke – diesen Namen, der für mich nach autochthonen Feldherren schmeckt, werde ich auf meinem Besuch noch häufig zu sehen und zu hören bekommen. Besonders im schlichten Barockbau des kreisauer Schlosses, in dessen Räumen sich die Dauerausstellung zum sogenannten „Kreisauer Kreis“ befindet. „In Wahrheit leben“ ist die von Ludwig Mehlhorn konzipierte Ausstellung betitelt und stellt einzelne Mitglieder besagter Sozietät vor. Sie mussten für ihr gemeinsames Denken sterben, für den Widerstand, den sie gegen das NS-Regime leisteten. Dennoch kennt man sie kaum, sie stehen im Schatten Stauffenbergs und dessen versuchten Mordanschlags auf Hitler, welcher auch ihr Schicksal besiegelte: obwohl der Kreisauer Kreis mit dem Attentat nicht in Verbindung stand, wurde der 20. Juli ausschlaggebend für die Hinrichtung seiner zuvor verdächtigten Mitglieder. Peter Graf Yorck von Wartenburg, Adolf Reichwein, Adam von Trott zu Solz, um einige zu nennen. Carl Mierendorff, und weitere. Ermordet wurde auch der Mann, der den Kreisauer Kreis 1940 ins Leben rief: Helmuth James Graf von Moltke. Zum Zeitpunkt seines frühen Todes ist seine Frau 33 Jahre alt. Heute ist sie 93. Freya von Moltke hat überlebt.

Sie erblickt 1911 als geborene Deichmann, Tochter eines kölner Bankiers, das Licht der Welt und verliebt sich während des Jurastudiums in Helmuth von Moltke. Mit 22 Jahren heiratet sie ihn und zieht auf das Gut seiner Familie nach Kreisau. Während sie das Anwesen verwaltet, wohnt Helmuth James in Berlin und schmiedet dort erste Pläne des Widerstands. Als Spezialist für internationales Recht arbeitet er beim Oberkommando der Wehrmacht und nutzt seinen Einfluss, um Angriffe und Ermordungen der Nazis zu verhindern. In unregelmäßigen Abständen versammeln sich die Mitglieder des Widerstands auf seinem kreisauer Gut, dessen Abgeschiedenheit sich für geheime Treffen anbietet. Seine Frau Freya war mitverwickelt in die Angelegenheiten des Kreisauer Kreises; die Gefahr, die mit der Widerstandsarbeit einherging, konnte sie nicht abschrecken: „Wir hatten die Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen. Wir waren vollkommen überzeugt davon, dass wir das Richtige taten – dann mussten wir auch die Folgen tragen. Dieses Niveau des Lebens habe ich später nie wieder erreicht“.

Im Gegensatz zu ihrem Mann geriet Freya bei den Nazis nie unter Verdacht, an Plänen gegen das Regime beteiligt zu sein. Selbst im Juli 1945, als ihr Mann in Gefangenschaft saß und seine Hinrichtung beschlossene Sache war, ahnte niemand im berliner Hauptquartier der SS von Freyas geheimen Mitwissen. Sie war eigens zu Freisler gegangen und zur Gestapo, um von der Unschuld ihres Mannes zu überzeugen. „Es war nicht mutig, ich habe nur getan, was der Helmuth mich gebeten hat“. Nirgends zweifelte man an ihrer Unwissenheit, SS-Männer begegneten ihr freundlich, nie misstrauisch. Sie blieb vor Tod und Folter verschont, konnte somit als Witwe des Widerstands zur Trägerin eines Teils deutscher Geschichte werden. Sie rettete sich und die 1600 Briefe, die ihr Mann ihr schrieb, erst vor den Nazis, dann vor den Russen. Für deren Veröffentlichung wird Freya von Moltke 1989 der Geschwister-Scholl-Preis verliehen. Doch vor der Qual des persönlichen Verlusts konnte sie sich nicht retten.

„Helmuth war das Zentrum meines Lebens“ spricht sie mit rauer Stimme. Bereits kurz nach Helmuths Hinrichtung schreibt sie, dass sie „nicht mehr ganz so fest auf dieser Welt“ sitze. Jetzt nach 60 Jahren sitzt sie immer noch auf der Welt, möchte trotzdem nicht über die Persönlichkeit ihres Mannes sprechen. Trauernd hockt sie auf dem geblümten Sofa und streicht sich mit langen, kräftigen Fingern durch ihr silbernes Haar, reibt sich die großen, blauen Augen. Sie ist nun eine alte Frau, aber nur alt an Jahren. Sie ist körperlich fit, jätet den Garten ihres Häuschens im US-amerikanischen Vermont, fährt mit dem Auto zum Einkaufen, reist regelmäßig nach Deutschland und nach Kreisau, oder Krzyźowa, das heute in Polen liegt. Das Anwesen, auf dem sie einst lebte, ist heute eine Begegnungsstätte, die 1990 von einer Bürgerinitiative ins Leben gerufen wurde und von Freya von Moltke unterstützt wird. Von Zeit zu Zeit spricht sie vor den Besuchern, bei denen es sich überwiegend um Schüler verschiedener europäischer Länder handelt, die in Krzyźowa Geschichte erleben.

Ich bin dieser beeindruckenden Persönlichkeit bei meinem Aufenthalt in Niederschlesien nicht begegnet. Ihre wachen Augen kenne ich nur von den Bildern der Ausstellungstafeln, die Stimme von einem Videoband. Während ich mich nachdenklich zum Ausgang des Schlosses begebe, stelle ich mir ein Treffen mit Freya von Moltke vor. „Mir würden 1000 Fragen einfallen, aber ich würde mich wahrscheinlich vor Aufregung und Hochachtung nicht trauen, auch nur eine zu stellen...“, denke ich mir, als ich das Schloss durch die selbe Tür verlasse wie einst Helmuth und Freya von Moltke.

Freitag, 21. März 2008

Ist ein eher therapeutisches Blog, wie du vielleicht merkst. Ich würd's mir zwei mal überlegen, ob ich mir so eine Psychokacke antun möchte... Wobei, du hörst ja auch Domian.

Wollte ich irgendwann mal gesagt haben...

Er scheint es sich zur Angewohnheit zu machen, wöchentlich über mir hereinzubrechen, der Wahn. Immer Dienstags, und doch jedes Mal unerwartet. Letzte Nacht fühlte ich mich von ihm schon wieder dazu getrieben, aufzustehen, mich in deinem Zimmer an den Laptop zu setzen um in jungfräulichen Worddokumenten fein säuberlich Neurosenbeete anzulegen. Im Bett hielten mich dann doch die Müdigkeit, die ich nicht in den nächsten Tag verschleppen wollte, war mir doch noch unklar, ob es nicht um 10 ein Seminar zu besuchen gäbe... Ich fühle mich hin und hergerissen in der Überlegung, mich für mein anstrengendes Verhalten zu entschuldigen und mache mal einen Versuch, es uns zu erklären.

Letzte Woche wollte ich aus mehreren Gründen nicht mit ins Seminar kommen, obwohl es schon auf meinem Stundenplan gestanden hatte, ohne dass ich mir überhaupt Gedanken gemacht hätte, wer die anderen Seminarteilnehmer sind. Nun hatte ich mir am letzten Dienstagabend, in einem Anfall von Selbstzweifeln und Enttäuschung über die Unzulänglichkeit der Wissenschaft und der begrenzten Erklärbarkeit der Welt die Augen ausgeheult und war, nachdem wir uns schlafen gelegt hatten, noch einmal aufgestanden, um ein paar Stunden lang in etwa das selbe wie jetzt zu tun, nur etwas zielgerichteter und produktiver. Abgesehen von der Müdigkeit hatte ich keine Lust, dich zu begleiten, da du mich vordergründig als Schutz vor Ines dabeihaben wolltest. Ich gehe gerne mit dir in ein Seminar, wenn du glaubst, das Thema könnte mich interessieren, oder weil du meine Anwesenheit genießt. Nicht aber, weil du ein Problem mit deiner Exfreundin hast. Da komme ich mir benutzt vor.

Sich den Arm aufzuschneiden ist übrigens keine Art, Verantwortung dafür zu tragen, wenn man jemanden verletzt hat. Ob diese Form der Selbstjustiz dir wirklich dabei hilft, wieder ruhig schlafen zu können, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Allerdings hast du, statt dich wirklich darum zu bemühen, es wieder gut zu machen, damit leider geschafft, dein eigenes Unwohlsein in den Mittelpunkt zu stellen und mir nach einer Demütigung auch noch einen Schock zu versetzen. Ich wollte übrigens auch im Bad verschwinden, nicht um mich zu ritzen, sondern um den restlichen Abend nicht wieder zum Tisch zurückzukehren. Um mir allerdings an diesem Abend noch einen Rest Würde zu bewahren, hab ich mir alle Mühe gegeben, ein freundliches Gesicht aufzusetzen und so zu tun, als hätte der Vorfall nichts bedeutet. Von letzterem hatte ich es sogar beinahe geschafft, mich selbst zu überzeugen.

Ich habe keinen Grund, dich zu beschuldigen, weil du mich Ines genannt hast. Ich unterstelle dir ja gar keine Böswilligkeit, mir ist völlig klar, dass es ein Versehen war, wenn auch ein Versehen, über dessen mögliche Bedeutung ich mir jetzt noch den Kopf zerbreche.

Was du danach getan hast, hat mich weitaus mehr verstört als der Versprecher. Was ich dir, als der Besuch dann weg war, gesagt habe, habe ich tatsächlich so gemeint: Es gäbe nichts, das du mir antun könntest, das eine Selbstgeißelung wert wäre.

Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, mit der Situation so gut wie möglich umzugehen. Dich davon zu überzeugen, dass es nicht mal halb so schlimm ist. Dadurch habe ich mir (oder du mir?) die Möglichkeit genommen, den Gefühlen, die ich den Abend über unterdrückt hatte, freien Lauf zu lassen. Zu sagen, dass es mich wirklich verletzt hat.

Nenn mich sensibel, aber am Morgen danach, und wiederum am Morgen nach dem Morgen danach, bin ich jedes Mal mit dem Gefühl aufgewacht, aus einem Alptraum zu erwachen – nur um dann festzustellen, dass es gar kein Traum war.

Inzwischen kann ich nicht mehr erkennen, ob mich bloß meine Paranoia in den Wahnsinn treibt oder ob du mir tatsächlich Anlass dazu gibst, der Sache soviel Bedeutung beizumessen.

Man möchte...nicht telefonieren vor Angst

Aus einem Gefühl von Unzulänglichkeit heraus überwältigt mich jedes Mal aufs Neue die Angst, den Vorstellungen meines Vaters nicht gerecht zu werden. Ich traue mich nicht ein mal, ihn wegen einer Lapalie anzurufen, weil ich befürchte, einen Fehler gemacht zu haben und im nächsten Moment dafür seinen gebührenden Zorn zu spüren. Auch wenn diese Befürchtung wahrscheinlich noch nicht ein mal eintreten würde. Selbstverständlich gab es schon Gespräche, die scheinbar harmonisch verlaufen sind – doch überwiegt statt der Erinnerung an ein positives Gespräch der Verdacht, dass mein Vater sich im Stillen über meine Mangelhaftigkeit ärgert.

Erleichtert stelle ich immer wieder fest, dass die Vorstellungen meines Vaters, schildere ich diese gelegentlich Außenstehenden, nicht das Maß aller Dinge sind – dennoch bin ich nicht in der Lage, die Ängste, die ich angesichts von Zukunftsentscheidungen hege, abzuschütteln. Längst hatte ich die befreiende Erkenntnis, das es für mich vollkommen legitim ist, mein Leben selbst zu bestimmen und das ich nur den Mut aufbringen muss, den Vorgaben meines Vaters zur Verwirklichung meiner eigenen Träume zu trotzen. Doch will ich damit beginnen, bin ich durch einen anderen Gedanken wiederum gelähmt: Zu spät verselbstständige ich mich, suche ich nach meiner eigenen Willenskraft. Der Zug ist schon abgefahren, ich kriege nicht mehr die Kurve. Ich werde es nie fertigbringen, eigenständig etwas auf die Beine zu stellen. Längst hätte ich erkennen müssen, wer ich bin und wo ich hin will. Zwanzig Jahre lang hat mein Vater, auch wenn er wenig daran teilgehabt hat, über mein Leben bestimmt. Elementare Stufen meiner Persönlichkeitsentwicklung sind mit Sicherheit schon abgeschlossen. Bis hier hin hat mein Vater mich gelenkt, wenn auch ohne besonders gute Kenntnis des Straßennetzwerkes, und nun, da ich am Steuer sitze, weiß ich nicht, wie man Gas und Kupplung bedient. Einen Führerschein habe ich damals mit 18, im Gegensatz zu allen anderen aus meinem Bekanntenkreis, nie gemacht.

Glücklicherweise habe ich davon gehört, dass manchmal sogar Greise noch eine Fahrprüfung ablegen.